Microsoft Surface Pro X: ARM, der x-te Versuch

Geschrieben von (23.12.2019 10:00 CET)

Die Surface-Reihe von Microsoft hat schon die eine oder andere Überraschung gebracht: Allem voran das bis zur Präsentation nicht geleakte Surface Book mit seinem abnehmbaren Display, auch das Surface Duo und Neo, die Ende 2010 erscheinen sollen. Da war man bei der Präsentation des Surface Pro 7 schon ein wenig überrascht: Die Surface Pro-Reihe ändert sich nicht wirklich vom Design her. Endlich ein USB-C-Port. Wow! Oder eben auch nicht. Viel interessanter schien das das SurfacePro X mit seinem deutlich moderneren Design, den kleineren Bildschirmrändern (neudeutsch „Bezel“) und dem doppelten USB-C-Anschluß. Und LTE! Der Preis: Der Liste nach knapp EUR 100 teurer als das Pro 7, was ein adäquater (und beispielsweise von Apple gewohnter) Aufschlag für das LTE-Modul ist.

Was dem ein oder anderen Interessenten untergegangen ist: Das Pro X ist der nächste Versuch von Microsoft, die ARM-Architektur (wieder) zu etablieren. Diesmal kommt der selbst entwickelte SQ-1-Prozessor zum Einsatz. Garant für Performance und Abstimmung, so der Ansatz. Allerdings: ARM-Prozessoren benörigen eigene Apps. Unproblematisch bei Store-Apps, aber eben nicht geeignet für Desktop (x86-) Apps. Dafür hat Microsoft dem System einen Emulationsmodus verpasst, der x86-Apps laufen lassen kann. Wie bei jeder Emulation aber natürlich mit Perdformance-Einbußen. Und noch schlimmer: 64bit-Apps schafft der Emulator nicht. Entweder ist eine App also direkt als ARM64-App verfügbar, oder der Anwender schaut in die Röhre.

Soweit zur Theorie. Wie aber schlägt sich das Surface Pro X in der Praxis? Die kurze Antwort: Besser als erwartet, wenn man die ein oder andere Einschränkung in Kauf nehmen mag.

Von der Hardware an sich ist das Surface Pro X ein wunderschönes Gerät: Mattschwarz, das Microsoft-Logo wie bei den Pros gewohnt glänzend auf dem Kickstand. Deutlich schmalere Bildschirmränder als die Geschwister, damit von der Wirkung her deutlich größer. Das 13 Zoll PixelSense-Display mit einer Auflösung von 2880*1920 ist kontrastreich, superscharf und mit 450 nits auf höchster Stufe extrem hell. Mit 774 Gramm knapp 150 Gramm schwerer als das 12.9 Zoll iPad Pro, aber immer noch in der Hand haltbar. Zwei Dinge aber sorgen für Verwunderung: Der nicht mehr vorhandene Kopfhöreranschluß mag zu verschmerzen sein, das ist mittlerweile Standard bei mobilen Geräten und durch Adapter heilbar. Viel schlimmer (und mir tatsächlich komplett durchgegangen): Das Surface Pro X hat keine Speicherkartenslot. Das Standardvorgehen, eine kleine SSD mit einer 400GB microSD zu ergänzen, ist also hinfällig.

Apropos SSD: Die kommt auch von Microsoft und ist proprietär. Wer sich einen Wechsel der internen SSD überlegt hat, kann das getrost vergessen…

Die zwei USB-C-Ports lösen das Problem, dass beim Anschluss eines USB-C-Hubs ohne Ladestecker der Platz für den selbigen fehlt. Bei den Surfaces eh kein Problem, denn der Dock Connector ist ebenfalls mit dabei. Übrigens der selbe wie bei den Vorgängern, sodass die originale Dock und Netzteile weiterhin Verwendung finden können. Die kompletten Specs finden sich hier.

In der Theorie also ein tolles Gerät, haptisch wie optisch ansprechend. Technisch wünscht sich der eine oder andere Anwender Thunderbolt 3 statt USB-C, ich muss aber gestehen: Die Anwendung habe ich noch nicht gehabt. Die höheren Transferraten wie auch spezielle TB3-Hardware gehören nicht zum Standard.

In der Praxis geht man erst einmal vorsichtig an das Gerät. Erst einmal die Software installieren, die nicht aus dem Store kommt, und die man wirklich braucht. Und bei jeder Installation hält man die Luft an, ob das denn nun alles funktioniert. Dieser Vorgang wird deutlich entspannter, wenn man die Erwartungshaltung korrigiert: 64Bit Desktop-Apps, Antivirensoftware, CAD-Software und spezielle Gerätetreiber sind ein NoGo. So scheiterte die Installation von Bitdefender 2020 ganz am Ende, weil eine Komponente nicht installiert werden konnte. CyberGhost als VPN-Tool hatte ich eher abgehakt, trotz Fehlermeldung (die ich aber auch vom Surface Book in Erinnerung hatte) läuft es problemlos. Wie auch alle anderen Programme. Wie es immer so ist: Die Office-Aktivierung scheiterte, weil „Dieser Typ Gerät nicht aktiviert werden dürfe“. Genaueres Lesen - nach dem ersten Schock – zeigte dann aber die Zahl der aktivierten Lizenzen bei Office 365 (und nicht den ARM-Prozessor) als Ursache. Behoben, aktiviert, läuft.

Das Surface Pro X bzw. sein SQ-1-Prozessor soll oberhalb des i5-Prozessors liegen. Schwer zu testen, denn die gängigen Benchmark-Programme – tadaaa! – laufen auf ARM nicht. Gefühlt ist das Surface Pro X flott unterwegs. Emulierte X86-Programme haben dann und wann spürbare Einbrüche, die an der Kreiselsanduhr zu erkennen sind. Allerdings wenig reproduzierbar und nicht so, dass sie ein wirklicher Bremser wären.

Unverständlicherweise ist das LTE-Modul eines der besonderen Merkmale des Pro X. Microsoft hat nur wenigen Modellen bisher die integrierte Möglichkeit des mobilen Surfens spendiert. Beim Pro X ist der Nano-SIM-Slot keine Option, sondern Serienausstattung. Karte rein, WLAN aus und Mobilfunk an, PIN eingeben, und das wars. So einfach wie bei einem iPad. Das Ganze befindet sich unter dem Kickstand und bedeckt sowohl die SSD als auch eben den Slot. Gelöst wird die Abdeckung durch die beiliegende SIM-Nadel. 

Mit an Bord ist einmal mehr die Infrarotkamera, die im Zusammenspiel mit Windows Hello die Anmeldung über einen 3D-Scan des Gesichts erlaubt. Gefühlt ein wenig schneller und unempfindlicher als beim Surface Book 2, auch wenn es keine unterlegenden Zahlen dazu gibt.

Wie alle Surface Pro bietet Microsoft optional (!) das Type Cover an, eine an den unteren Dock-Port magnetisch anzuklickende Tastatur. Und einen Stift. Hier ist eine weitere Weiterentwicklung der Reihe zu finden: Die höherwertige Version des Covers für das Pro hat eine Aussparung für den neuen Surface Slim Pen. Der ist deutlich flacher als die Standardversion des Surface Pens und wird induktiv aufgeladen. Entweder im Type Cover, wenn das am Surface hängt. Kauft man den Pen alleine, dann liegt eine USB-Ladestation bei. Fakt ist: Die Kombination aus Stifthalter und Ladeschale im Cover führt dazu, dass der Stift deutlich öfter mit an Bord ist als der nur magnetisch am Gehäuse zu befestigende Standard-Pen. Cooler Effekt: durch gepolte Magnete kann man den Stift nicht falsch einlegen: Er dreht sich automatisch richtig herum. Allerdings schlagen für die Kombination Cover/Stift noch einmal knapp EUR 300 zu Buche...

Die Akkulaufzeit war eines der Hauptargumente für ARM als Plattform. Das wirkt sich aber nicht wirklich auf die Laufzeit des Pro X aus: Die von Microsoft angegebenen 13 Stunden sind im Praxisbetrieb  Surfen, Office und E-Mail nicht annähernd zu erreichen: Knappe 8 Stunden waren bisher das Maximum. Keine Frage, Firmwareupdates und Gewöhnung des Akkus können hier noch ein wenig rausholen, trotzdem: Das Gerät bewegt sich im Bereich seiner Vorgänger und Geschwister.

 

 

Preis:

Je nach Ausstattung ab EUR 1050,- hier

Fazit:

Es bleibt die Frage: Warum ein Pro X und nicht ein günstigeres und leistungsfähigeres Pro 7? Die Antwort ist schwer. Bei mir hat tatsächlich zum einen das Design und zum anderen das „endlich was Neues!“ zum Kauf geführt. Bereut habe ich ihn nicht, weil es ein Zweitgerät (zum Surface Book 2) ist. Als Hauptgerät würde ich vermutlich tatsächlich eher zum Pro 7 oder Surface Laptop greifen. Einzig integriertes LTE und die geringe Dicke/das geringe Gewicht sprechen noch für das Pro X.

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